An meine zwei Söhne ...

Meine lieben Kinder ... Es ist so weit, und nun hier bin ich allein, es ist so weit und keiner von uns ist trotzdem ganz allein ... 

Es sind meine letzten Stunden bei mir zu Hause, wo ich immer noch sein darf ... ich habe nie an diesen Moment gedacht, aber jetzt ist es so weit, und ich muss von meinem Zuhause endlich gehen ... in eine fremde Welt ... Ihr habt für mich entschieden, ohne mein Herz zu fragen oder meine Seele zu spüren, ohne meinen Geist zu berühren ... Ihr denkt wohl nur an meine Schwächen und Krankheiten ... Eurer Meinung nach sollte es mir nun besser gehen ... 

Es ist mir klar, Ihr seid jung und Ihr habt Familie, Ihr wohnt nicht in der Nähe von mir und jeder von Euch arbeitet sehr viel, Ihr habt viel zu tun, ich kann Euch sehr gut verstehen ... 

Ich mache Euch keinen Vorwurf, überhaupt nicht, es ist nur, ich selber bin für diesen Moment noch nicht bereit, aber Ihr habt für mich entschieden ... in wenigen Stunden muss ich mein zu Hause verlassen und ich muss Euch vertrauen, und weiter an Gott glauben ... 

Stundenlang weine und weine ich, weinen ohne Ende bringt auch nicht viel, weinen, bis ich einschlafe, ist auch nicht die Lösung, weinen, bis ich müde werde, ist auch keine Hilfe, weinen, bis ich nicht mehr schreiben kann, wird auch nichts ändern ... das hier ist mein Zuhause, das hier ist mein Leben, das hier bin ich, was wird mit mir geschehen? ... Ich habe so viele Fragen ... ich, wünsche mir mehr Klarheit als Fragen ... aber ich bin so alt, ich habe Angst, und ich habe nur Fragen ... 

Wie wird mein Zimmer eingerichtet sein? Werde ich genug Licht haben? Werde ich genug Zeit zum Lesen haben? Werde ich guten Menschen begegnen? Werde ich gut schlafen können? Werde ich viele Medikamente bekommen? Werde ich mit Respekt behandelt? Werde ich genug Aufmerksamkeit bekommen? Werde ich früh aufstehen müssen? Werde ich Freunde haben? Werde ich glücklich sein?

Leider ist es so weit ... und nun bin ich hier allein ... Es ist so weit und keiner von uns ist eigentlich allein, wie kann ich Euch meine Gefühle am besten mitteilen? Seit Monaten höre ich von Euch nur, dass ich krank bin, und ich darf nicht mehr allein sein ... aber ich bin nicht allein ... nicht so, wie ihr denkt ... aber das versteht Ihr nicht, für Euch gibt es nur einen Weg, Mama muss weg ... weg ins Altersheim ... mit alten Menschen, Krankenschwestern, Ärzten und professionellen Menschen, dort gehört Mama hin, dort ist Mama nicht allein, dort bekommt Mama alles, was Sie braucht ... Mama wird dort glücklich sein ... und natürlich werden wir Mama immer wieder besuchen ... aber Mama hat trotzdem so viele Fragen ... 
Und wer von Euch hat mich überhaupt etwas gefragt ... was ich denke, was ich will, wie ich es gerne haben möchte ...? Nein, ich darf nur folgen, Euch vertrauen, mich überraschen lassen und egal wie es kommt, soll ich mich daran gewöhnen.

Wie oft werden meine Kinder mich besuchen? Werden meine Enkelkinder mich auch besuchen? Werden meine Kinder mir Blumen bringen? Werden meine Enkelkinder mir Erlebnisse erzählen? Werden meine Kinder mir alles wiederholen, wenn ich etwas vergesse? Werden meine Enkelkinder mich umarmen? Werden meine Kinder mich küssen? Werden meine Kinder mich streicheln? Nun, leider ist es so weit ... und nun hier bin ich allein ... 

Es ist so weit und keiner von uns ist ganz allein ... Mein Herz schlägt und schlägt ... meine Augen sind müde, mein Anblick versinkt ... meine Stärke ist erschöpft ... und hier bin ich ... mit meinen Schwächen ... mit meinen Niederlagen ... mit meinen Fehlern ... mit meinen Schmerzen ... mit meinen Nachteilen ... mit meinen Ängsten ... mit meinen Gespenstern ... mit meinen Zweifeln ... mit meinen Unsicherheiten ... mit meinen Fragen ... mit meinen Gedanken ...

Wie schnell werde ich Euch vergessen? Wie schnell werde ich mich wieder finden? Werde ich Euch vermissen? Wie unendlich wird Eure Geduld zu mir sein? Werde ich mich geliebt fühlen? Werde ich wieder Musik spielen können? Wird mich Gott verlassen? 

Ich hoffe, dass mein Zimmer genug Licht hat, damit ich weiter Freude am Leben haben kann ... Hoffentlich begegne ich lieben Menschen so oft wie möglich damit ich weiter lachen kann ... Hoffentlich werde ich genug Süßigkeiten bekommen, damit mein Kaffee immer noch gut schmeckt ... 

Ich hoffe sehr fest, dass Ihr mich so oft wie möglich besucht ... ich hoffe so sehr, dass meine Enkelkinder mir lustige Sachen erzählen ... ich hoffe sehr fest, dass Ihr meine Hände streichelt ... 

Ich wünsche mir viele verschiedene neue Freunde ..., ich wünsche mir frisches feines Essen ... ich wünsche mir ein gutes Bett ... und doch, Erwartungen habe ich ... 

Träumen darf ich auch, ich träume jetzt mit vielen süssen Träumen ... ich träume jetzt mit viel Liebe und Humor ... ich träume jetzt mit Euch ... mit uns ... in meinen Träume ist alles schön und gut ... in meinen Träume ist mein neues Zuhause ein kleines Paradies ... Träume können wahr werden ...

... alt fühle ich mich nicht, krank auch nicht ... aber leider muss ich weg, ich muss von zu Hause weg ... hier ist niemand an etwas Schuld, es gibt keine Urteile, es gibt keine Vorwürfe, es gibt keine Opfer, es gibt keine Angeklagten, es gibt keine Vorurteile, die Wahrheit ist die Realität, der Startpunkt ist gekommen, und ich war nicht bereit, niemand ist jemals bereit, und es ist so weit, und nun bin ich hier allein ... 

Es ist so weit und keiner von uns ist allein, in der Dunkelheit meiner Ängste nehme ich Zuflucht, in der Einsamkeit meiner Erinnerungen suche ich Unterkunft, im Schatten meiner Wunder versuche ich zu schlafen ... in den Tränen meiner Wände sehe ich meine Falten ... im Regen eines Spiegels verdampft meine Kraft ... in einem Glas Wein ist nun meine Seele betrunken ... im Rauch meiner Küche verlieren sich meine Rezepte ... Die Sonne kühlt die Dunkelheit meines Balkons, Schmetterlinge singen in den leeren Räumen ... mein Herz schlägt und die Erinnerungen erschöpfen mein Gedächtnis ... die Verzweiflung dringt in meinen Frieden ein, es ist so weit und ich mag nicht gehen ... bin ich wirklich nicht allein? 

Meine lieben Kinder, ich werde so gut ich kann weiter bei Euch bleiben, aber es wird der Tag kommen, wo ich lieber bei Jesus sein möchte als hier auf der Erde, bitte lasst mich gehen ... am Tag, wo meine Seele meinen Tempel verlässt, bitte lasst mich gehen, am Tag, wo mein Geist nicht mehr zurückkommt, bitte lasst mich gehen, am Tag, wo mein Blick sich am Horizont in den gesprochenen Worten verliert, die nicht gesagt werden, bitte lasst mich gehen, am Tag, wo meine Wünsche und Bedürfnisse in der Routine des Tages verloren gehen, ich bitte Euch, lasst mich gehen ... am Tag, wo für es Euch schwer wird mich zu besuchen, lasst mich gehen, am Tag, an dem die Freude uns verlässt, lasst mich gehen ... am Tag, wo die Liebe die Kraft verliert, ich bitte Euch, lasst mich gehen ... unser Aufenthalt auf der Erde muss ein Wunsch und kein Martyrium sein ... 

... es ist so weit, ich höre Euch, Eure Stimme und Eure Schritte ... ich muss fertig schreiben ... möge Gott uns noch viele Jahre mit Freude schenken, möge das Leben uns noch viele schöne Momente schenken, möge das Universum uns mit viel Verständnis segnen, mögen die Engel uns von unangenehmen Gedanken schützen, möge die Liebe uns behüten ... mit Liebe, Eure Mama ... 
YORDANKA JASCHKE